Atmo: Marktplatz, Glockenschläge
O-Ton Yurko Prohasko:
Ich komme aus einer sehr alten und sehr traditionellen galizischen, ruthenisch-ukrainischen Familie. Und als ich klein war, zur Zeit der Sowjetunion, war das Wort Galizien bei uns zu Hause fast ein Schlüsselwort, ein zentrales Wort, "Halytschyna". Ich hab' schon von früh an gelernt, dieses Wort sehr zu schätzen, sehr zu lieben, aber ich wußte nur von der ukrainischen Seite diese ganze Geschichte. Ich wußte, was das ukrainische Erbe in Galizien ist.
Autor:
Der Germanist und Übersetzer Yurko Prohasko spricht über die Geschichte seiner Heimat - im Westen der Ukraine. Yurko Prohasko spricht über Galizien. Jahrhundertelang lebten in Galizien Polen, Ukrainer, Juden und Deutsche in enger Nachbarschaft. Galizien gilt daher vielerorts als Inbegriff einer Vielvölkerkultur, einer Kultur, die allerdings in den Katastrophen des zweiten Weltkriegs untergegangen ist. Von 1772 bis 1918 bildete Galizien ein Kronland am östlichen Rande der Habsburger Monarchie - mit Lemberg als Verwaltungshauptstadt. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Galizien Teil des neu gegründeten polnischen Staats. Im Herbst 1939, als die polnische Beute zwischen Hitlerdeutschland und Sowjetrußland aufgeteilt wurde, griff Stalin nach Ostgalizien samt Lemberg und schlug es der bereits bestehenden Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die Deutschen wurden im wechselseitigen Einvernehmen der Diktatoren ausgesiedelt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion ließ Hitler die Juden ermorden, und nach dem sowjetischen Sieg zwang Stalin den überwiegenden Teil der polnischen Bevölkerung Galiziens zur Ausreise. Im sowjetischen Galizien blieben fast nur noch Ukrainer. Nach und nach kamen Russen hinzu. Die bewegte Geschichte des Landes wurde im Sinne der Machthaber umgeschrieben oder wenigstens verschwiegen.
O-Ton Yurko Prohasko:
Natürlich hat man mir erzählt als Kind, daß hier früher auch Österreicher waren und Polen und Juden. Man hat mir auch gesagt, daß die Polen ausgereist sind, aber man hat mir nie direkt erzählt, nie beim Namen gesagt, was mit den Juden zum Beispiel passiert ist. Das war bei uns zu Hause kein Thema einfach. Und ich komme ja aus dem heutigen Ivano-Frankivsk, dem alten Stanislau, das sich nicht so sehr von L'viv, von Lemberg unterscheidet. Aber als ich fertig war mit der Schule und hierher kam zum Studieren, da geriet ich eines Tages in eine sehr tiefe und sehr unsympathische Krise, wo ich plötzlich dastand in dieser Stadt unter all diesen wunderschönen Gebäuden und nicht verstand, wo das alles herkommt. Also meine Welt stimmte nicht mehr. Das war so ein Zustand von einem akuten kognitiven Unbehagen. Und ich hab mir gesagt: Ich muß ja wissen, wo das alles herkommt. Und da habe ich begonnen, mich zu interessieren und nachzufragen und mit den Menschen zu sprechen und Bücher zu lesen. Und dann kamen diese ganzen Namen wie von selber ans Tageslicht, und ich war sehr fasziniert von diesen Schriftstellern wie Joseph Roth oder Bruno Schulz. Und da habe ich begonnen, mich für die galizische und eben für die breitere, weitere multikulturelle Geschichte Galiziens zu interessieren.
O-Ton Olha Sydor:
Also Bruno Schulz habe ich als erstes auf Deutsch gelesen. Und das war Anfang der neunziger Jahre. Ich hatte deutsche Freunde, weil ich als Reiseleiterin gearbeitet habe. Und da haben mir die deutschen Bekannten gesagt: Oh, du kommst doch aus der Gegend von Joseph Roth und Bruno Schulz. Und es war mir wahnsinnig peinlich, daß ich die nicht kenne. Und dann habe ich versucht, sie auf ukrainisch aufzutreiben. Das war nicht möglich...
Autor:
... erzählt Olha Sydor, die als Germanistin und Übersetzerin in L'viv oder Lemberg lebt.
O-Ton Olha Sydor:
Da arbeitete ich schon im Lehrstuhl für deutsche Philologie. Wir hatten eine Dozentin, die deutsche Literatur unterrichtete. Und ich kam in den Lehrstuhl und sagte: "Leute, ich habe von so einem deutschsprachigen Autor - Joseph Roth - erfahren. Gibt es den, haben wir irgendetwas von ihm? Kann man den lesen?" Und da sagte die Dozentin, eine alte Kommunistin: "Ja, Joseph Roth hat 'Radetzkymarsch' geschrieben, gab's so einen. Wir haben ihn sogar hier im Lehrstuhl stehen, aber der war Monarchist, deswegen ist es nicht empfehlenswert, ihn zu lesen." Also das Buch stand da, nur man mußte selbst darauf kommen, daß er kein Monarchist war und daß man ihn lesen darf. Das war nicht so richtig verboten, aber das war so ziemlich gründlich verdrängt.
Autor:
Die Zeiten sowjetischer Kulturpolitik sind allerdings passé. Die Ukraine ist seit über einem Jahrzehnt unabhängig, und gerade in Galizien, dem Westteil der Ukraine, führen Vertreter der früheren antisowjetischen Opposition das Wort. Die politischen Umwälzungen haben auch das Bild von der galizischen Geschichte umgestülpt, jedenfalls zu einem guten Teil. Allem, was mit der habsburgischen Tradition in Lemberg und Umgebung zusammenhängt, begegnet die ukrainische Gesellschaft heute mit immer mehr Interesse und ungeteiltem Respekt - so zum Beispiel dem deutschsprachigen Erzähler Joseph Roth, der aus der kleinen Stadt Brody nördlich von Lemberg stammt und dessen galizische Erfahrungen sich in seinem Werk spiegeln. Roth ist geradezu ein Bestsellerautor auf dem neuen ukrainischen Buchmarkt geworden. Auch Leopold von Sacher-Masoch, dem die Welt nicht nur den Begriff des Masochismus verdankt, ist mittlerweile ein wohl gelittener und in ukrainischer Übersetzung gern gelesener Schriftsteller. Sein Vater hatte Mitte des 19. Jahrhunderts in der damals österreichischen Landeshauptstadt als Gefängnisdirektor amtiert.
O-Ton Olga Sydor:
Es gibt diesen Mythos vom guten alten Österreich, und das wird jetzt sehr geliebt, vielleicht deswegen, weil das schon so weit weg liegt, daß es keine oder fast keine Überlebende mehr gibt. Und andererseits vielleicht, weil es so objektiv gewesen war, daß es den Ruthenen, den Westukrainern innerhalb der österreichischen Monarchie wirklich nicht schlecht ging, also im Vergleich zu den anderen Perioden der Geschichte, im Vergleich zu den anderen Besatzungsmächten. Und von daher wird dieser Mythos vom guten Österreich gepflegt.
Autor:
Doch von der Literatur einmal abgesehen. Auch architektonisch ist die Handschrift der Habsburger Monarchie heute deutlicher erkennbar als unter der sowjetischen Herrschaft. Zu österreichischen Zeiten, im späten 19. Jahrhundert, hatte sich Lemberg zu einer modernen Metropole im Gewand von Historismus und Jugendstil entwickelt, übrigens unter einem polnischen Statthalter sowie unter Beteiligung von zahlreichen polnischen und einigen ukrainischen Architekten. Die enge Beziehung zu Wien bleibt unverkennbar, auch wenn über das ausgefahrene Steinpflaster immer noch altersschwache Limousinen sowjetischer Bauart rollen, auch wenn die üppige Vegetation der Vorgärten einen Hauch von Anarchie verbreitet und die alten Fassaden, achtlos übertüncht oder ganz und gar dem Verfall überlassen, manches von ihrer Kontur eingebüßt haben. Zu sowjetischer Zeit wurde dieses Erbe mumifiziert. Mittlerweile häufen sich die Wiederbelebungsversuche. Hotels wie das legendäre "George", einst von den renommierten Wiener Architekten Helmer und Felmer errichtet, hat man restauriert. Aufschriften aus deutscher oder auch aus polnischer Zeit schmücken die Cafés, die auf Touristen aus dem Ausland warten. Doch während man im ukrainischen Galizien der österreichischen Hinterlassenschaft unbekümmert begegnet, sorgt das polnische Erbe für mancherlei Irritation, ein Erbe, das die Touristen aus dem Nachbarland Polen Tag für Tag in Scharen anzieht.
O-Ton Yarina Borenko:
Wir sollen uns freuen, daß die Touristen kommen und ein bißchen Geld bei uns lassen. Ich persönlich, ich hab' sehr viel gehört, wie die polnischen Reiseführer wieder nur die polnischen Spuren in Betracht ziehen, und sie benennen die Straßen wie sie vorher waren, also sie beschäftigen sich mit einer fremden Stadt.
Autor:
...erklärt Yarina Borenko, eine junge Politikwissenschaftlerin, die des öfteren auch Touristen durch Lemberg führt.
O-Ton Yarina Borenko:
Damals war das eine polnische Stadt, und die Polen, sie haben... es gibt einen Witz: die besten polnischen Städte waren Krakau, Wilna und Lemberg, und jetzt ist noch Krakau geblieben, und das schmerzt sie so stark, daß man wirklich Angst hat. Und diese Schmerzen verwandeln sich manchmal in Aggressivität, was für uns natürlich nicht akzeptabel ist. Ich glaube, daß ist schon eine Form von politischem Tourismus. Das ist diese Nostalgie, und wenn es zu viele polnische Touristen gibt, fühle ich mich selbst als Museumsstück, den man nicht braucht. Sie beschäftigen sich nur mit Vergangenheit. Und es interessiert nicht, was jetzt passiert und wie jetzt die Leute wohnen.
Atmo: Auf dem Lyczakowski-Friedhof, setzt leise ein.
Autor:
Für Polen stellt Lemberg oder L'viv (auf polnisch Lwów) ungefähr das dar, was für viele Deutsche Breslau und Stettin bedeuten. Prominente polnische Zeitgenossen wie der Politiker Jacek Kuron oder der Schriftsteller Stanislaw Lem wurden zwischen den Weltkriegen im polnischen Lemberg geboren. Aber die polnische Geschichte der Stadt reicht zurück bis ins Mittelalter. Und auch unter der Oberherrschaft der Habsburger wurde Galizien seit 1867 von Polen regiert. Zwar bildeten die Ukrainer im Osten Galiziens, also in der heutigen Westukraine, bereits damals die absolute Mehrheit. Sie stellten rund sechzig Prozent der Bevölkerung. Die Ukrainer oder Ruthenen, wie sie zu k.u.k. Zeiten genannt wurden, waren allerdings überwiegend auf dem Lande und in den Vorstädten zu Hause. In den großen Städten - so auch in Lemberg - blieben sie eine Minderheit.
Es gibt viel polnische Geschichte zu entdecken - für polnische Touristen in Lemberg. Als Höhepunkt jeder Stadtbesichtigung gilt ein Friedhof. Atmo aufblenden! Der Lyczakowski-Friedhof ist ein Parkfriedhof aus habsburgischen Zeiten, auf dem Polen, Österreicher und Ukrainer nebeneinander ruhen. Eine gesonderte Anlage bildet der militärische Teil des Friedhofs. Dort liegen - durch eine Mauer voneinander getrennt - ukrainische und polnische Kämpfer. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie war Lemberg zum Schauplatz eines polnisch-ukrainischen Krieges geworden. Die Polen griffen für den Anschluß der Stadt an die neu gegründete polnische Republik zu den Waffen. Die Ukrainer kämpften für einen selbstständigen ukrainischen Staat. Den Sieg trugen 1919 die Polen davon - und errichteten als Erinnerung an die "Orleta", die "jungen Adler", wie man ihre zumeist jugendlichen Kämpfer nannte, einen Pantheon auf dem Lyczakowski-Friedhof. Unter der sowjetischen Herrschaft verfiel die Anlage nach und nach. Bei Gelegenheit wurde auch mit dem Bulldozer nachgeholfen. Seit über einem Jahrzehnt bemüht sich Polen um die Restaurierung der polnischen Grabstätten, und seither schwelt ein Streit, der immer wieder auflodert. Es geht um die Frage, ob die polnischen "Jungen Adler" für die polnischen Ostgebiete gestorben sein können, vor allem aber darum, ob diese Kämpfer laut wiederherzustellender Inschrift wirklich "Helden" gewesen sein dürfen.
O-Ton Yarina Borenko:
Das waren wirklich diese polnischen Symbole, die für Polen sehr heilig sind, und für uns, ehrlich gesagt, nicht. Wir sagen, wir wollen, daß das Wort "Helden" nicht auf diesen Inschrift steht. Wir verletzen die Polen so tief. Und wir verstehen nicht, warum wir so tief verletzen.
Autor:
Das beobachtet Yarina Borenko, die Politikwissenschaftlerin aus Lemberg, die sich als Fremdenführerin auch auf dem Lyczakowski-Friedhof betätigt.
O-Ton Yarina Borenko:
Sie betrachten dieses Problem als eine wichtige Epoche in ihrer Geschichte. Sie wollen einfach, daß dieses Schild so steht. Und es ist ihnen egal, was dazwischen passiert - ob die Leute das akzeptieren oder nicht. Die Leute sehen, daß die polnischen Vertreter manchmal zu aggressiv sich benehmen. Und deswegen das gefällt uns nicht, weil wir haben Angst, daß sie als Sieger kommen. Ich hab auch Angst, obwohl ich sehe, daß das unbegründet ist, aber diese Inschrift betrachten sie als einen Kampf und wollen unbedingt den Sieg erreichen.
Autor:
Das Wort "heldenhaft" war auch der Anlaß für den jüngsten ukrainisch-polnischen Eklat. Im Mai dieses Jahres verwarf das Lemberger Stadtparlament eine bereits im vergangenen Jahr von den Präsidenten Leonid Kuczma und Aleksander Kwasniewski persönlich vereinbarten Kompromiß über die endgültige Ausgestaltung des restaurierten Friedhofs. Die Mehrheit der Stadtparlamentarier von Lemberg konnte die Bezeichnung "heldenhaft" auf der Inschrift für die polnischen Kämpfer nicht akzeptieren. Daraufhin sagte Aleksander Kwasniewski seinen bereits vorbereiteten Besuch zur Einweihung des Friedhofs ab. Bis heute wurde kein ukrainisch-polnischer Kompromiß erzielt. Die Diskussion dauert an. Zwar sind die ukrainisch-polnischen Beziehungen - insgesamt betrachtet - selten so gut gewesen wie im vergangenen Jahrzehnt. Doch Empfindlichkeiten, die aus einer schwierigen Vergangenheit herrühren, gibt es immer noch zur Genüge, meint Krzysztof Sawicki, Konsul der Republik Polen in Lemberg:
O-Ton Krzysztof Sawicki,
Sprecher:
Natürlich kann der Orlat-Friedhof keine grundlegende Rolle in den ukrainisch-polnischen Beziehungen spielen. Aber man muß doch dieses ganze polnisch-litauische-weißrussisch-ukrainische Grenzland, gerade wenn es um die Symbole geht, wie einen Menschen betrachten, der keine Haut mehr besitzt, dessen Nerven nurmehr mit einem sehr dünnen Papier bedeckt sind, so dass jede - und sei es noch so sanfte - Berührung einen unglaublichen Schmerz auslöst.
Autor:
Zwei Jahrzehnte lang, von 1919 bis 1939, verharrten Polen und Ukrainer im Südosten der polnischen Zwischenkriegsrepublik in einem politischen Dauerzwist. Die Ukrainer rangen um politische und kulturelle Autonomie. Polen setzte auf die Polonisierung der Ukrainer. Beide Seiten zeigten sich immer wieder bereit, ihre Ziele auch mit Gewalt durchzusetzen. Die Erfahrungen aus zwei Jahrzehnten polnischer Republik brachten Teile der ukrainischen Nationalbewegung dazu, im Zweiten Weltkrieg mit Hitler zu paktieren. Damit kamen sie ihrem Ziel, der Gründung eines unabhängigen ukrainischen Staats, jedoch keinen Schritt näher. Dafür brachte die partielle Kollaboration mit Nazi-Deutschland die Idee einer unabhängigen Ukraine auf lange Sicht in Mißkredit, zumal sich eine beträchtliche Zahl von Ukrainern auch am nationalsozialistischen Judenmord in Ostgalizien beteiligte. In der sowjetischen Ära war es daher den Machthabern in Moskau und Kiew ein Leichtes, jede Form ukrainischen Nationalbewußtseins als faschistisch zu geißeln. Währenddessen waren die in den Untergrund verbannten ukrainischen Nationalisten nur selten zu einer kritischen Reflexion ihrer eigenen Geschichte bereit. Stärker noch als das Verhältnis zu Polen betraf das die Beziehung der Ukrainer zu den ostgalizischen Juden. Daher war auch die Beschäftigung mit dem Holocaust noch vor wenigen Jahren ein Tabuthema in der westukrainischen Öffentlichkeit. Erst in jüngster Zeit beginnt man, offen über das Verhältnis zum jüdischen Erbe Galiziens zu diskutieren.
O-Ton Yurko Prohasko:
Die Ukrainer haben jahrhundertelange antisemitische Komplexe und antisemitische Vorurteile, nationalistische Vorurteile. Und mit diesen Vorurteilen müssen wir uns klar werden, wir müssen sie aufarbeiten, das ist unsere unmittelbarste Aufgabe jetzt und hier.
Autor:
... fordert der Germanist und Übersetzer Yurko Prohasko.
O-Ton Yurko Prohasko:
Ich glaube nicht, daß sich der ukrainische Antisemitismus oder die ukrainische Xenophobie, ganz grundsätzlich gesehen, von dem deutschen oder dem französischen oder wie auch immer unterscheidet. Nur hat eben der ukrainische Antisemitismus seine Spezifika, die ja mit der Geschichte verbunden sind, die damit verbunden sind, daß dieser Staat oder diese Idee der Staatlichkeit noch ganz frisch ist.
Atmo: Personenzug, unterwegs, Bahnhof
Autor:
Drohobytsch ist eine kleine Industriestadt am Rande der Karpaten, rund achtzig Kilometer südlich von Lemberg. Zwischen den Weltkriegen waren die Einwohner zur Hälfte Juden. Der heute weltweit wohl bekannteste Sohn der Stadt ist der jüdisch-polnische Avantgardekünstler Bruno Schulz. Schulz, 1892 geboren, trat in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als Autor phantastischer Erzählungen über den Mikrokosmos der galizischen Provinz hervor. "Die Zimtläden" und "Das Sanatorium zur Todesanzeige" verschafften ihm bereits damals Anerkennung in der literarischen Öffentlichkeit Polens. Schulz hinterließ auch ein umfangreiches zeichnerisches Oeuvre. Während der nationalsozialistischen Okkupation mußte er sich als Haus- und Kunstsklave für den Drohobytscher Gestapo-Referenten Felix Landau verdingen. Am 19. November 1942 wurde Bruno Schulz von dem SS-Mann Karl Günther auf offener Straße erschossen. Mit der Ermordung von Bruno Schulz wollte Günther seinem Rivalen Landau, wie er selbst bekannte, "eins auswischen". Kurz vor seinem Tod hatte Bruno Schulz das Kinderzimmer in der Dienstvilla des Gestapo-Referenten Felix Landau ausgemalt. Schulz-Kenner wußten von der Existenz der Wandbilder, suchten aber jahrzehntelang vergeblich nach ihnen. Anfang des Jahres 2001 wurden sie schließlich bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm entdeckt. Ein Fund, der für Schlagzeilen sorgte, allerdings vor allem in den polnischen und internationalen, weniger in den ukrainischen Medien. Noch zu diesem Zeitpunkt war Bruno Schulz in seiner Heimatstadt Drohobytsch kaum bekannt.
Atmo: Drohobytsch, Verkehr, Markt, Stimmen
Autor:
An der sogenannten Villa Landau erinnert heute nichts an Bruno Schulz. Das Dach des Hause scheint einsturzgefährdet. Im Garten basteln Kahlgeschorene an einem Auto. Vor der Straßenkreuzung, an der Bruno Schulz erschossen wurde, rollt der Verkehr über das Steinpflaster vor dem Mietshaus aus habsburgischen Zeiten. Auch hier kein Hinweis auf Bruno Schulz. Dafür hat man nebenan im Stadtpark einem Helden der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung ein Denkmal gesetzt: überlebensgroß und martialisch - Stepan Bandera. Banderas "Organisation ukrainischer Nationalisten" führte in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einen Untergrundkampf gegen den polnischen Staat und paktierte im Zweiten Weltkrieg zeitweilig mit Deutschlands. Das Ziel Banderas und seiner Mitstreiter war eine ethnisch reine Ukraine. Heute hat es den Anschein, als solle alles in Drohobytsch an den ukrainischen Unabhängigkeitskampf und möglichst wenig an die von den Deutschen, zum Teil mit ukrainischer Unterstützung, ermordeten Juden erinnern - ebenso wenig wie an die Polen, die auf Befehl Stalins nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden waren. Gleichwohl hat das Werk des polnischen Juden Bruno Schulz in den vergangen Monaten eine heftige Debatte ausgelöst, die auch an Drohobytsch nicht vorbeiging. Denn kaum waren die Wandbilder von Bruno Schulz in der ehemaligen Villa Landau entdeckt worden, wurde der größere Teil von ihnen abgetragen und gegen geltendes Recht, aber mit Unterstützung der Drohobytscher Stadtbehörde, nach Israel verbracht. Das Werk des Juden und Nazi-Opfers Bruno Schulz sei in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besser aufgehoben als im ukrainischen Drohobytsch, erklärten die Entführer.
O-Ton Yurko Prohasko:
Ja, das war wie eine zugedeckte Eiterstelle, und man brauchte nun diesen Skandal, damit der ganze Eiter rauskommt. Das hat die ganze Situation unheimlich zugespitzt, zu meiner großen Überraschung und zu meinem Bedauern war das so. Also ich glaubte, unsere galizische Gesellschaft wäre dann doch etwas toleranter und verständnisvoller. Aber ich seh auch die Vorteile dieser Geschichte, daß zumindest alle sich inzwischen artikuliert haben, und jetzt haben wir klare Fronten. Und diese klaren Fronten kommen ja niemals mehr zusammen.
Autor:
Angesichts der "Entführung" der Wandbilder hätten ultranationalistische Ukrainer - so Yurko Prohasko - regelrecht frohlockt. Denn sie würden am liebsten noch die letzten verbliebenen Spuren des galizischen Vielvölkererbes beseitigen, um sie durch eine - ihrem Verständnis nach - reine ukrainische Kultur zu ersetzen. "Schulzophilie" warf ein ukrainischer Literaturwissenschaftler und Fernsehmoderator denjenigen vor, die für Schulz einen Platz in der Kulturgeschichte der Ukraine suchen, und die den Verlust der Wandbilder zutiefst bedauern. Auf der anderen Seite hat sich in diesem Jahr eine Initiative zumeist junger ukrainischer Intellektueller gebildet, die das lange Zeit verdrängte Werk von Bruno Schulz einem größeren Publikum bekannt machen und darüber hinaus das gesamte galizische Vielvölkererbe propagieren möchten. "Pan Cogito" heißt diese Initiative, die es sich zum fernen Ziel gesetzt hat, in der sogenannten Villa Landau in Drohobytsch unter dem Namen von Bruno Schulz eine Begegnungsstätte samt Forschungszentrum einzurichten.
Atmo: Eisenbahn, Personenzug, Bahnhof
Autor:
In der Öffentlichkeit der westlichen Ukraine hat die Debatte über die Bedeutung des gesamten galizischen Kulturerbes also begonnen. Und für immer mehr Menschen beginnen sich die Konturen der im Zweiten Weltkrieg untergegangenen
Vielvölkerkultur abzuzeichnen, wenn sie den Blick auf die Geschichte ihres eigenen Landes richten. Andererseits ist die Idee der ukrainischen Nation nach wie vor eine wirksame politische Idee, der diejenigen, die sie vertreten, alles andere unterordnen.
O-Ton Jaroslav Hrycak,
Sprecher:
Früher war es die Arbeiterklasse, die man herausgestellt hat, dafür daß sie so integriert sei, so positiv und so weiter. Den Platz dieser Arbeiterklasse hat inzwischen die ukrainische Nation eingenommen. Etwas, über das man in einem positiven Ton spricht, "Schöpfer der Geschichte" etcetera... Die Nation ist etwas beinahe Sakrales und man darf sie nicht einfach kritisieren.
Autor:
... erklärt der Lemberger Historiker Jaroslav Hrycak - und fährt fort:
O-Ton Jaroslav Hrycak,
Sprecher:
Galizien und Lemberg gehören zu den wenigen Regionen der Ukraine, in denen die Machteliten ausgewechselt wurden. Von den Kommunisten ist wirklich nicht viel übrig geblieben. Die meisten, die in den vergangenen zehn Jahren Macht ausgeübt haben, kommen aus dem oppositionellen, antisowjetischen Lager. Aber sie betreiben sehr oft Politik auf postsowjetische, also auf sowjetische Art, auch wenn sie die Errichtung von solchen Denkmälern beschließen, wie die für Stepan Bandera. Andererseits und zum Glück unterscheiden sich die postsowjetischen von den sowjetischen Zeiten, denn gerade den jungen Menschen steht jetzt eine Vielzahl von Informationsquellen zur Verfügung. Mit deren Hilfe können sie sich ihre eigene Meinung bilden.
Autor:
Und das tun sie bereits. Allerdings gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wo auf Weg zu einem neuen Geschichtsbewußtsein die Ukraine heute steht. Und manch einer glaubt, daß die ukrainische Gesellschaft - allen nationalen Mythen zum trotz - längst von ihrer eigenen Vielvölker-Realität eingeholt wurde.
O-Ton Taras Voznyak,
Sprecher:
Die Vielvölkerkultur hier in der Ukraine - das ist einfach eine Tatsache!
Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, daß in Deutschland die Hälfte oder achtzig Prozent der Fernsehprogramme in holländischer oder dänischer oder meinetwegen in englischer Sprache ausgestrahlt würden - ohne Übersetzung. Aber hier ist das so. Wir schauen polnisches, russisches oder ungarisches Fernsehen und wir verstehen uns ohne irgendwelche Probleme. Das ist ganz einfach eine Tatsache!
Autor:
...erklärt Taras Voznyak, Chefredakteur der in Lemberg erscheinenden Kulturzeitschrift "Yi", die von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt wird, und die sich für die europäische Integration der Ukraine einsetzt.
O-Ton Taras Voznyak,
Sprecher:
Es ist klar, daß die Ukrainer allmählich ein neues Bewußtsein entwickeln. Sie werden sich darüber klar, welches Erbe sie empfangen haben - auf der einen Seite. Auf der anderen Seite muß man fragen: Was ist denn ein Ukrainer? Ein Ukrainer ist, ethnisch betrachtet, nicht immer ein Ukrainer. Ich spreche jetzt von verschiedenen Volksgruppen, die in der Ukraine leben. In der Ukraine leben bis zu einer halben Million Juden. Welches andere Land in Europa kann sich einer so zahlreichen, so lebendigen jüdischen Volksgruppe rühmen? Dann: zweihunderttausend Polen, wer weiß wie viele Tausend Ungarn, Menschen, die immer hier auf diesem Territorium gelebt haben, die niemals als Gastarbeiter irgendwoher gekommen sind. Und in diesem Sinne sind wir dabei, uns darüber bewußt zu werden, wer wir sind. Wer sind wir in diesem gemeinsamen Boot, das sich "Ukrainischer Staat" nennt?